Outdoormesser im Test: Bushcraftmesser Schnäppchen ?

Immer mal wieder findet man auf diversen Plattformen recht preiswerte, angeblich sehr hochwertige und handgefertigte Messer von Anbietern, die natürlich auch gern mal auf der „Bushcraft Welle“ mitreiten wollen. Einen zusätzlichen Kaufanreiz schafft man oftmals durch vermeintlich enorme Preisreduzierungen gepaart mit zum Teil ganz offensichtlich erfundenen Namen angeblicher Messermacher. Ob solche Messer etwas taugen, oder ob das Ganze ein Flop ist beantworte ich heute.

Ich bitte um Verständnis dafür, dass ich hier keinerlei Angaben zur Bezugsquelle machen werde. So viel sei aber verraten: das Messer welches ich geordert habe, wurde nicht aus Deutschland verschickt.

Freitag bestellt, Samstag versendet und bereits am Dienstag ausgeliefert – das ist verdammt schnell und schon einmal sehr positiv. Aber es geht hier ja in erster Linie nicht um die Liefergeschwindigkeit, sondern um die Qualität der Ware.

Der erste Eindruck – sieht doch ganz gut aus….

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und erst einmal die Daten:

Klingenlänge: 9,4 cm
Schneidlänge: 8,7 cm
Klingenbreite: max. 2,8 cm
max. Klingenstärke: 3,9 mm
Grifflänge: 11,9 cm
Gesamtlänge: 21,3 cm
Gewicht nur Messer: 184 gramm
Gewicht Scheide: 81 gramm
Gesamtgewicht: 265 gramm
Stahl: O1 ( Angabe des Verkäufers)

Rein optisch ist das Messer ganz ok. Die augenscheinliche Verarbeitung ist recht ordentlich. Die Schalen sind sauber angepasst, und der Skandi Anschliff ist beidseitig zumindest in der Höhe gleich ausgeführt. Auch die Spitze sieht gut und gleichmäßig aus, und es gibt keinen nennenswerten Spalten zwischen Klinge und Griff. Daneben hat das Messer eine sehr angenehme Handlage – der Holzgriff fühlt sich gut an.

Leider war das Messer total stumpf. Ein sehr grober Anschliff und vor allem ein sehr starker Grat an der Schneide verhinderten die komplette Schneideigenschaft von vorn bis hinten. Also war hier erst einmal Nacharbeit angesagt…. sauber anschleifen und schärfen. Für einen Ungeübten ist das nur schwer zu bewerkstelligen.

Hier das Messer mit bereits nachgearbeiteter Klinge:

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Die Scheide ist minderwertig – billiges Leder, schlecht verarbeitet, zumindest ist sie aber recht gut angepasst. Das Messer sitzt fest, aber nicht zu fest, recht tief und sicher.
Solche schlecht verarbeiteten Scheiden findet man allerdings zuhauf auch bei Messern namhafter Hersteller. Insofern lasse ich die Scheide aus der Gesamtbewertung am Ende heraus. Abgesehen davon tut sie ihren Dienst.

Die Nähte vorne:

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und hinten:

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nicht gerade schön – die Naht mit Kleberresten an der Gürtelschlaufe:

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Als kleinen Test habe ich mit dem Messer geschnitzt und gespant. Beim Spanen fühlt man mit am besten, ob ein Messer wirklich schneidfreudig ist oder nicht.
Zum Vergleich habe ich ein Ahti Finnenmesser genommen. Der Skandi Anschliff ist bei diesem Messer allerdings deutlich höher gezogen und die Klinge etwas schmaler, was die Schneideigenschaft noch verbessert.

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Bereits nach wenigen Schnitten spürt man, dass die Klinge des Bushcraftmessers zunehmend an Schärfe verliert und das bei sehr weichem Holz. Die Klinge kratzt sich mehr oder weniger hinein, und man muss sehr viel Druck ausüben. Ein Papierschneidetest bestätigt die schnell nachlassende Schärfe – das Papier fasert beim Schneiden aus und an einigen Stellen stockt die Klinge sogar. Natürlich ist die Klinge noch nicht stumpf, aber richtige Schärfe und vor allem Schnitthaltigkeit sehen eben anders aus.

Das Ahti geht auch nach längerem Schnitzen und Spanen fast von allein in das Holz und anschließend durch das Papier wie durch Butter.

Hier die Unterschiede:

Beim Bushcraft Messer sieht man den stockenden Schnitt deutlich den Spänen an – die Schnitthaltigkeit ist nicht gut:

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Das Ahti Finnenmesser schneidet vorzüglich und ohne spürbar an Schärfe zu verlieren. Die Holzspäne sind ganz glatt und sauber abgetrennt:

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Auf den Punkt gebracht bedeutet es, dass hier ein angeblich einmal fast 200 Euro teures „Custom Spitzenprodukt“ – drastisch reduziert auf knapp über 50 Euro – leider nicht sonderlich brauchbar ist.
Insgesamt ist das Messer nach der Klingenaufbereitung sicher nicht als Flop zu bezeichnen, für eine Kaufempfehlung reicht es allerdings bei weitem nicht aus. Das man einem Messer zunächst einmal einen vernünftigen Anschliff verpassen muss, ist im Grunde eine Zumutung für den Endkunden. Daneben hat man bei derartigen Produktanpreisungen natürlich sehr hohe Erwartungen. Diese werden aber nicht erfüllt, denn für knapp 50 Euro gibt es eben Besseres.

Ich wusste natürlich, worauf ich mich einlasse….